Angola – gekidnappter Junge aus dem Kongo

Bila, Projektgründer des Straßenkinderprojektes Nova Chance Angola, erzählte mir kürzlich eine haarsträubende Geschichte, die ich euch nicht vorenthalten möchte:  Am 31. Mai wurde Muassa (Bruder von Bila, der die Straßenkinder regelmäßig auf der Straße besucht) ganz aufgeregt von den Straßenkindern zu einem Jungen gewunken. Der Junge hieß Bea und war 10 Jahre alt. Er saß auf der Straße und weinte und redete in einer Sprache, die keiner verstand. Als Muassa mit dem Jungen versuchte zu reden, stellte sich heraus, dass er kein portugiesisch spricht sondern Lingala. Diese Sprache wird im Kongo gesprochen. Da Muassa im Kongo aufgewachsen ist, konnte er den Jungen verstehen und fragte ihn, was denn passiert wäre. Bea erzählte ihm, er wäre kein Straßenkind. Er wäre aus dem Kongo entführt worden! Er und seine Familie wohnen in Lundo, direkt an der angolanisch-kongolesischen Grenze. Eines Morgens ging Bea auf den Markt, um etwas einzukaufen, als ihn eine Frau zu sich winkte. Kaum war er bei ihr, packte sie ihn an Arm, zerrte ihn zu ihrem Auto und sperrte ihn in den Kofferraum. Dann fuhr sie mit ihm über die Grenze nach Angola und fuhr 1100km weiter bis in die Hauptstadt Luanda. Zu Hause angekommen, sagte ihr Mann, sie solle den Jungen wieder loswerden. Denn sie hätten ja bereits 5! Und so warf die Frau ihn einfach irgendwo auf die Straße, wo Muassa ihn dann fand.

Als Bila mir diese Story erzählte, war ich schockiert und verstand gar nicht, wie so etwas überhaupt möglich ist! Leider gibt es gerade an der Grenze zwischen dem Kongo und Angola viel Menschenhandel. Kinder werden einfach entführt und in Angola weiterverkauft. Sie landen in der Prostitution oder werden getötet, damit man ihre Organe verkaufen kann. Wir können uns so etwas hier in Europa gar nicht vorstellen! Es ist einfach nur grauenvoll!

Doch Gott hat seine Hand über Bea gehalten und ließ es nicht soweit kommen! Hätte Muassa den Jungen nicht gefunden, wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Er brachte Bea zu Pia, einer Missionarin von Nova Chance, damit er bei ihr wohnen könne, bis alles geklärt wäre. Pia ist Straßenverkäuferin und verdient sich ihr Geld, indem sie Armbändchen knöpft und diese dann auf der Straße verkauft. Die Frage war nun: Wie kommt Bea zurück zu seinen Eltern in den Kongo? Er hatte ja keine Papiere, nur seine haarsträubende Entführungsgeschichte. Muassa ging auf die kongolesische Botschaft und erklärte dort die Situation von Bea.

Gleichzeitig schickte er Pedro, einen guten Freund, der in der Nähe der kongolesischen Grenze wohnt, zu der Adresse, die Bea ihm angegeben hatte, um seine Eltern zu verständigen. Doch als Pedro dort ankam, waren die Eltern nicht da. Pedro gab einem Nachbarn die Telefonnummer von Nova Chance mit der Bitte, die Eltern sollen sich unbedingt melden, damit man die Rückkehr ihres Sohnes organisieren könne.  Doch die Eltern riefen nie an, und zwar aus purer Angst. Leider ist die Situation im Kongo sehr angespannt. Der Krieg im Osten hält Präsident Kabila an der Macht. Milizen terrorisieren und ermorden die eigene Bevölkerung.  Sie gehen durch Dörfer, schlachten die Männer ab, vergewaltigen die Frauen und entführen und versklaven Kinder. Es herrschen Zustände, wie wir sie uns in Europa schlicht und einfach nicht ausmalen können. Als Bea verschwand, haben seine Eltern angenommen, er wäre von der Miliz entführt und umgebracht worden. Und als Pedro sie aufsuchte, hatten sie Angst, er wäre von der Miliz, und jetzt würden auch noch ihre anderen beiden Kinder entführt und umgebracht. Also riefen sie nie bei Nova Chance an, sondern ergriffen die Flucht! Sie flohen von einem Ort zum andern und blieben immer in Bewegung, damit die Miliz sie nicht finden würde. Das wiederum machte es unmöglich für Nova Chance, die Eltern ausfindig zu machen.

Ein weiteres Problem war, dass sich niemand dafür zuständig fühlte, für die Rückkehr von Bea in den Kongo zu bezahlen. Die Familie ist arm und hat kein Geld. Und die Botschaft wollte für einen einfachen Jungen wie Bea kein Geld verschwenden und gab Nova Chance 2000 Kwanza, ca. 7 SFR (!), damit sie Bea zur Grenze bringen würden.

Kiala, Bila, Damaris Kofmehl, Muassa (die drei Brüder leiten die Arbeit in Luanda)

Mitte Juni sandte Muassa Pia mit Bea die 1100km von Luanda zur Grenze zum Kongo. Vielleicht wäre es dort einfacher, alles zu klären. War es aber nicht. Es hieß, die Geschichte von Bea müsse erst geprüft werden, und das zog sich tagelang hin, bis Pia schließlich mit Bea wieder nach Luanda zurückkehrte. Bea war völlig am Ende und weinte die ganze Zeit, weil er zu seiner Familie wollte. Seine Eltern meldeten sich einfach nicht aus Angst, Bea wäre in den Händen der Miliz, und die kongolesische Botschaft krümmte keinen Finger.

Doch Muassa blieb hartnäckig. Er bestürmte die kongolesische Botschaft weiter, bis ihr Anliegen nach zwei Monaten endlich Gehör fand. Die kongolesische Regierung machte die Eltern von Bea ausfindig und versicherte ihnen, dass ihr Sohn tatsächlich noch lebte und in Luanda war. Am 16. Juli stellte die kongolesische Botschaft in Luanda Einreisepapiere für Bea her, bezahlte den Flug für Pia und Bea bis zur Grenze und organisierte die Autofahrt vom Flughafen bis zu Bea nach Hause.

Als die Eltern ihren Sohn lebend vor sich sahen, fiel die Mutter vor Freude in Ohnmacht. Sie hatten wirklich gedacht, Bea wäre tot und konnten erst glauben, dass er lebte, als er lebend vor ihnen stand! Die Wiedersehensfreude war immens, aber auch überschattet von den Schrecken des Krieges, so dass der Vater Pia in seiner Verzweiflung bat: „Bitte, ihr habt so gut für Bea gesorgt, bitte nehmt ihn wieder zu euch. Bei euch ist er sicherer als bei uns.“ Doch das war natürlich nicht möglich.

Die unglaubliche Geschichte von Bea machte in der Botschaft schnell die Runde, und der kongolesische Botschafter bot Pia prompt einen Job in der Botschaft an! Jetzt verkauft Pia also keine Armbändchen mehr auf der Straße sondern arbeitet bei der kongolesischen Botschaft in Luanda! Und vor ein paar Tagen fand ein Treffen zwischen dem Präsidenten von Angola und dem Präsidenten des Kongo statt, und sie war bei der Delegation mit dabei und schüttelte beiden Präsidenten die Hände.

Nachdem mir Bila die Geschichte von Bea erzählt hatte, meinte er: „Weißt du, mir geht es nicht um Zahlen. Mir geht es nicht darum, dass ich vorweisen kann, wir von Nova Chance hätten 1000 Straßenkinder von der Straße geholt. Bea ist ein einzelner Junge, doch was wir für diesen einen Jungen tun konnten, ist mehr wert als eine Zahl von 1000. Wir haben ein Menschenleben gerettet. Und so werden wir ein Kind um das andere retten, so wie sie uns Gott über den Weg schickt.“

Haus für Straßenkinder in Luanda

Ein weiterer Schritt auf diesem Weg ist das Haus, das wir von Open Arms für Nova Chance Angola gemietet haben, damit dort Straßenkinder ein neues Zuhause finden können. Seit dem 1. August hat das Team von Nova Chance den Hausschlüssel! Jetzt muss das leere Haus aber erst mal möbliert werden. Wir brauchen Betten für die Kinder, einen Herd zum Kochen, Tische und Stühle zum Sitzen und vieles mehr. Schreib einfach bei deiner Spende „Angola“ oder „Bett für Straßenkinder“ dazu. Ich glaube daran, dass wir genug Geld zusammenkriegen, um Straßenkindern in Luanda ein neues Zuhause geben zu können! Vielen tausend Dank dafür!

Mit Power & Love

Damaris Kofmehl

One Comment

  • Wow ich freu mich mega über die Schokoladenkugeln die Gott auf dich geregnet hat .
    Das ist es . Leben im Standby. Du hast dem zerreissenden Status einen Namen gegeben.
    Ich bin doch eine Kämpferin seit vielen Jahren! Aber seit diesem schlimmen Tag ,21 Mai 2017 ist so viel zerfallen, der Boden unter den Füssen weg.
    Ich habe mir so sehr genau so eine Kirche , Gemeinde gewünscht wie OPEN ARMS,
    2 Jahre schwieriges Vorbereiten und und gerademal 4 Monate durften wir die church erleben. Noch immer muss ich die Frage warum einfach wegweisen. Gott sei Dank habe ich auch einen enormen Trost durch mein wunderbares kleines Enkel-babygirl geboren 2 Tage danach am 23. Mai 2017. jetzt arbeitslos, RAV, Bewerbungen, Kurse, Bewerbungen, Kurse 🙌🏻
    Gott sei dank, Open Arms lebt ! 🙏🏻HEARTBEAT lebt 😍 Klar anderst aber auf dem Fundament : „don’t give up“ und “ Love is why we are here. So lange ich lebe werde ich ein Teil davon sein mit aller Kraft Demetri’s Erbe weitertragen 💛

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